Bob Brozman Interview: JAZZTHETIK.DE (Germany)
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Interview: Bob Brozman

JAZZTHETIK.DE
Aktuell vom 23.07.2003

Bob Brozman - Der Charango-Verschenker

Von Thorsten Bednarz
Bild: Michael Felsch



Mit seinem ironischen Blick hinter den eisernen musikalischen Vorhang gehört Bob Brozman für viele zu den großen Unbekannten. Denn die Slidekünste des Amerikaners gehören zwar zum Besten, was jemals auf den Saiten einer Gitarre geboten wurde, aber er hat sie niemals so eingesetzt, dass er damit ein großes Publikum hätte erreichen können.


Metrik und Anthropologie
Schließlich ist Ironie den meisten Amerikanern und leider auch den meisten Mitarbeitern großer Plattenfirmen auf höherer Entscheidungsebene ein Fremdwort. Dafür lotet Bob Brozman nahezu alles aus, was jenseits der Hemisphäre des Viervierteltaktes liegt. Und was er dabei erreicht hat, macht ihn unbestritten zum unbekannten Großen.

Dabei ist es nahezu unmöglich, Bob Brozman und seine vielschichtigen Aktivitäten mit kurzen Worten zu beschreiben. Er ist eben nicht nur Sänger und Gitarrist, er designt auch Instrumente, ist Händler und Sammler, Musikethnologe und Feldforscher, Entertainer und Professor, und nebenbei ist er auch noch so etwas wie die Mutter Teresa der Saitenkünstler, verschenkt er doch in dem ihm möglichen Maße Instrumente in der ganzen Welt und fördert so lokale Musik und Musiker. Was er in erster Linie ist, beschreibt er selbst mit den Worten: "Ich bin eine sehr beschäftigte Person! Neben meinen Projekte mit anderen Musikern spiele ich die Hälfte des Jahres über meine Soloshows als Musiker, Komiker, Improvisator.

Das geht alles recht chaotisch zu, und jemand hat mich mal gefragt, ob ich da nicht nervös werde. Dabei ist die Zeit, in der ich spiele, die einzige, in der ich nicht nervös bin. Auf der anderen Seite sehe ich mich in meinen Weltmusikprojekten als nichtkapitalistischen Mitarbeiter, als Anthropologen und Freund. Und meine dritte Hauptbeschäftigung ist wohl die, mit der Gutgläubigkeit und Dummheit der Amerikaner zu spielen, so wie auch viele der amerikanischen Politiker das machen. Ich etwa erzähle den Amerikanern, dass es in Europa so etwas wie ein metrisches Zeitsystem gibt mit 100 Sekunden pro Minute, 100 Minuten pro Stunde und 10 Stunden Tag bzw. Nacht. In einer meiner Meisterklassen erzählte ich diese Geschichte, und ein Schweizer Uhrenbauer, der an der Vorlesung teilnahm, baute mir daraufhin eine solche Uhr. Seit ich die vorzeigen kann, die Geschichte mit der Einführung des Euros koppele und den Leuten sage, dass die Umrechnung ganz einfach ist (nur durch 1,6 Periode teilen und dann mal 2 für Tag und Nacht), glauben mir bis zu 85 Prozent der Amerikaner!" Und so trägt dann auch sein letztes, kürzlich in den USA erschienenes Soloalbum den Titel Metrische Zeit.

Aber schon mit der Doppelgleisigkeit von Anthropologie und Musik hat Bob Brozman seine Schwierigkeiten, denn Musiker treiben die Entwicklung von Musik im günstigsten Fall voran, während Anthropologen und Musikethnologen eher dem Rechnung tragen, was auch musikalisch zu verschwinden droht - nicht nur, weil das entsprechende Volk selbst verschwindet, sondern auch, weil es sich schlichtweg überlebt hat und unzeitgemäß ist. Oder reicht es ihm vielleicht, die Veränderungen in traditioneller Musik ethnologisch zu dokumentieren? Womit wir auch an den Grundfesten heutiger Weltmusik angekommen wären. "Auf der einen Seite verschwinden, dank des amerikanischen Dampfwalzenmusikgeschäftes, jeden Tag die verschiedensten Musikformen, so wie auch viele verschiedene Tiere aussterben.

Selbst am entlegensten Punkt der Erde wirst du amerikanische Musik hören. Auf der anderen Seite fängt aber auch die Front zu bröckeln an, weil ja auch ganz individuelle Musiker in den jeweiligen Ländern an diesem Prozess beteiligt sind. Ich kann es mir leider nicht leisten, Gitarren zu verschenken, aber allen Musikern, mit denen ich arbeite, schenke ich ein Charango, um zu sehen, was sie damit anfangen. Jetzt könnte man mir sagen, dass ich in ihre Kultur eingreife. Aber wie soll ich einem neugierigen Musiker verbieten, auf einem Instrument zu spielen, welches nicht in seine Kultur gehört? Die Bewahrung bestimmter Werte ist schon sehr wichtig, und wenn ich der Herr über einen Knopf wäre, der den Einfluss der amerikanischen Massenmedien weltweit ausschaltet, dann würde ich den sofort drücken. Doch es gibt auch nichts, was man auf der anderen Seite als traditionelle Musik bezeichnen kann, denn innerhalb dieser Musik gibt es immer Individuen, die ihr Können und ihr Wissen vermehren wollen. Jeder Musiker, der nicht gerade das Glück (oder Pech) eines Hitsongs hat, den er von nun an für den Rest seines Lebens spielen muss, will wachsen, Neues entdecken. Je länger man Musik macht, desto steiler wird die Straße zur musikalischen Vollendung. Aber sie wird auch breiter, öffnet sich vielen neuen Straßen und Stilen."

Das jedenfalls ist die Grunderkenntnis, die Bob Brozman in seiner jahrelangen Arbeit mit den verschiedensten Musikern in aller Welt gelernt hat

Trifft ein Amerikaner einen Inder ...

Der Respekt und die Aufmerksamkeit gegenüber dem Fremden ist ihm dabei zum Grundbedürfnis geworden. "Ich habe das Glück, relativ unbekannt zu sein. Ich kann für keinen Musiker die Eintrittskarte in das große Musikgeschäft sein, ich esse das gleiche Essen, schlafe im selben Haus, und neben einem musikalischen Partner finde ich auch immer einen Freund fürs Leben. Wir treffen uns auch niemals auf der Hälfte des Weges zwischen unseren Stilen, sondern ich gehe ihnen immer drei Viertel des Weges entgegen." So jedenfalls macht Bob Brozman es für gewöhnlich. Eine Ausnahme bildet sein aktuelles Album mit dem Inder Debashish Bhattacharya, das ganz offensichtlich ein Treffen auf halber Wegstrecke ist. "Zum Ersten wäre es wohl sehr vermessen von mir gewesen, so weit in eine 7000 Jahre alte Musiktradition vorzudringen. Aber es lag auch viel an Debashish, denn er wollte kein Album mit 21 Minuten langen Ragas aufnehmen, die am Ende keiner versteht. Er wollte auch Dinge wie z.B. eine Songstruktur in den Stücken haben, die man sonst in indischer Musik nicht findet."

Und das Ergebnis ist auch dementsprechend atemberaubend und setzt mit anderen Mitteln den Weg fort, den der großartige Nusrat Fateh Ali Khan mit seinen letzten, für Real World eingespielten modernen Platten vorgezeichnet hat. Hier werden auch die Welten deutlich, die Bob Brozman und seine Projekte von den weltmusikalischen Ausflügen eines Ry Cooder unterscheiden. Auch er hat ja schon vor vielen Jahren mit V. M. Bhatt ein indisch/amerikanisches Slide-Album aufgenommen und dafür sogar einen Grammy erhalten. Und wie Bob Brozman war auch Cooder auf Okinawa und in Hawaii.

Doch auch wenn Bob Brozman kaum Zeit hat, Musik zu konsumieren, so gibt es zwischen ihm und Cooder doch wesentliche Unterschiede, wie er betont. "Zum einen bin ich mal nicht berühmt, wie ich vorhin schon sagte. Und zum anderen gab es in all diesen Projekten, die du ansprichst, mindestens einen Musiker, der nicht wusste, worum es geht. Manchmal vielleicht ein wenig. Ich verstehe zwar irgendwie, dass Journalisten gern diesen Vergleich ziehen, und vielleicht sollte ich stolz darauf sein, denn Ry Cooder ist ja sehr respektiert. Aber ich habe nichts mit amerikanischer Musik am Hut, während er durch und durch Amerikaner ist."

Schon sind wir bei einem der liebsten Themen von Bob Brozman gelandet, und es sprudelt nur so aus ihm heraus. "Ich bin kein Anti-Amerikaner! Ich bin für die Menschheit. Aber wenn du in einen Plattenladen gehst und stehst vor den Regalen von Pop, Folk, New Punk, Old Punk, Art Punk, Alternative Folk, und da hinten in der Ecke ein kleines Regal mit Weltmusik für die restlichen 190 Länder - das ist schon merkwürdig. Und die merkwürdigste Musikkultur, die mir je begegnet ist, und mir sind viele begegnet auf meinen Reisen, die merkwürdigste ist die von Los Angeles. Niemand ist auch nur halb so verrückt und nur halb so weit von Musik entfernt wie diese Szene. Und genau diese Musik klingt so wie amerikanische Panzer, die gerade Bagdad überrollen."

Beatkultur und Kolonialismus

Dann führt Bob Brozman noch einige haarsträubende Geschichten an, die ihm durchaus millionenschwere Verleumdungsklagen mit Gerichtsstand L.A. einbringen könnten. Im Nachhinein bittet er dann doch darum, diese als "off the record" laufen zu lassen. Doch als der Reporter einen Ausspruch von Ali Farka Toure über dessen Zusammenarbeit mit Ry Cooder einbringt ("Meine Musik ist süß wie Honig und braucht keinen weißen Zucker, um sie zu versüßen"), da hellt sich seine Miene wieder freudig auf.

Wie es dazu kam, dass das ganze musikalische System des Planeten aus den Fugen geriet, auch dafür hat er eine einleuchtende Erklärung. "Es gibt zwei rhythmische Kulturen auf der Erde: die der Kolonialherren und die der Kolonialisierten. Die Kolonialherren sind am Beat interessiert, denn sie wollen ja vorwärts marschieren. Sie sehen den Beat als etwas, dem man folgen kann.

Die Kolonialisierten sehen neben dem Beat noch all das andere, was für eine gute Musik noch notwendig ist. Sie haben das Ergebnis im Blick, und während die Kolonialisten marschieren, sagen die Kolonialisierten schon beim ersten Schritt Autsch, weil sie ihren Vordermann getreten haben und selbst auch getreten wurden. In der amerikanischen Musik liegt die Betonung des Sängers auch immer auf den ohnehin schon betonten Noten, als eins und drei, während andere Kulturen das wichtige gegen den Beat positionieren und damit einen Swing erzeugen." Und deswegen, so führt Bob Brozman zur Unterstützung seiner These an, gingen ja auch die Nazis gegen Swing und Jazz vor. Und er selbst freut sich darüber, dass "jedwede Art von swingender Musik in den richtigen Händen subversiv" ist.

In diesem Sinne kann man auch Bob Brozmans Platte mit Debashish Bhattacharya Subversivität nicht absprechen, die sich zu einem unvergleichlichen Hybriden jenseits alles Bekanntem entwickelt, und in seiner unvergleichlichen Art bringt er auch gleich noch einmal den Unterschied zu Ry Cooders und V.M. Bhatts Album Meeting by the River an. "Es war vielleicht ein Treffen an einem Fluss, aber sie hatten sich nicht auf ein Ufer geeinigt und kamen wie die Königskinder nicht zueinander. Und Debashish ist auch ein viel besserer Gitarrist, gegen den Bhatt ein Student im Erstsemester ist. Für mich ist immer nur die Mischung wichtig, die zwischen mir und einem anderen Musiker entsteht. Das ist mein Job. Kommt es zu keiner Vermischung unserer Musik, dann gehe ich davon aus, dass es an mir liegt, und verändere mein Spiel. Dann funktioniert es!" Und es swingt, möchte man vergnügt anfügen!

Aktuelle CD:
Bob Brozman & Debashish Bhattacharya: Mahima (Riverboat Records - World Music Network / Edel Contraire)

Bob Brozman - King of the National Guitar


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